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    Warum das Lustigsein in unserem Leben so wichtige Funktionen erfüllt

    Warum das Lustigsein in unserem Leben so wichtige Funktionen erfüllt

    Die Sprechtage Wels & Thalheim präsentieren von 22. Mai bis 13. Juni "Sachen zum Lachen".

    Autor und Philosoph Franz Schuh ist dem Publikum der "Sprechtage Wels & Thalheim" kein Unbekannter – mit seinen vielschichtigen Betrachtungen lockt der 71-jährige Wiener jedes Mal zahlreiche Zuhörer an. Diesmal philosophiert er am 23. Mai im Medien Kultur Haus Wels über "Sinn und Unsinn des Lustigseins".
     

    OÖNachrichten: Die Sprechtage Wels & Thalheim haben heuer als Überthema "Sachen zum Lachen. Komik.Witz.Humor" – worüber können Sie denn herzhaft lachen?

    Franz Schuh: Da tue ich mir schwer. Ich muss zugeben, ich bin ein Anhänger von Harald Schmidt gewesen. Ich fand das ungeheuerlich lustig, wie sich Harald Schmidt in die Kunstfigur Harald Schmidt verwandelt hat, in der so etwas war wie ein unangreifbarer Mensch. In seiner Late Night Show traf er auf Leute, die versuchten, sich vor dieser Kunstfigur zu beweisen. Das war teilweise komisch, teilweise trat dabei ein Mechanismus in Gang, vor dem man nur warnen kann, nämlich der Mechanismus der Differenz zwischen lachen und jemanden auslachen. Und bei Harald Schmidt war das Interessante dieser gefährliche Vermischungsgrad zwischen Zynismus – das ist etwas, das ich ablehne – und andererseits wirklich gemeinsam lustig zu sein über Absurdes. Diese Grenze hat er in seiner Praxis verwischt. Kann man nicht jedem raten, aber ohne Gefahr ist auch das geistige Leben stumpf.

    Sie sagten, dass es gerade im Fernsehen oft sehr verlogene Formen des Lachens gibt.

    Es gibt so ein gewisses Gruppenlachen, wo jemand über etwas lacht, worüber er alleine gar nie lachen würde. Es herrscht beim Lachen Ansteckungsgefahr. Unreflektiertes, bloß reaktionäres Lachen, das eben gedankenlos ist und automatisch erschallt, ist nicht das, was einen besonders freuen sollte.

    Wie steht es um das Auslachen und die Pannenshows?

    Das ist ein interessantes Phänomen, dass, wenn jemand hinfällt oder jemandem etwas auf den Kopf fällt, einen das zum Lachen reizt. Es ist unklar, warum das so ist. Denn an und für sich könnte sich auch ein Mitleidsbonus in Gang setzen. Es gibt das Theorem, warum man lacht, wenn jemand zu Fall kommt, das besagt, dass der Mensch ein graziöses Wesen ist, das in einer Art von beseelter Lebendigkeit durch die Welt wandelt, und wenn es zu Sturz kommt, tut es das wie irgendein Ding – und diese Diskrepanz wird von manchen als komisch empfunden, und deshalb gibt es im Fernsehen die Pannenshows. Die Komik ist eine komplexe Angelegenheit. Mit komplex will ich sagen, dass in der Komik vieles steckt, was man an ihr nicht erwarten würde.

    Sie sprechen über Sinn und Unsinn des Lustigseins – worin bestehen denn diese?

    Das Lustigsein hat eine ganz wesentliche Funktion – nämlich die Funktion, gegen den billigen und konventionellen Ernst zu verstoßen, rücksichtslos den konventionellen Ernst dem Lachen auszusetzen. Der falsche Bart etwa von Politikern, die das Kreuz dem Publikum entgegenhalten, obwohl sie sonst nur mit dem Kreuz zu tun haben, wenn der Orthopäde sich mit dem Kreuz beschäftigt. Das bloße Albernsein hat eine seelisch entlastende Funktion. Wir brauchen nicht nur Entlastungen von unseren Krämpfen, sondern auch gute Entlastungen, die anschlussfähig sind an den notwendigen Ernst.

    Haben Sie in Ihrem Leben eine Verschiebung des Humors wahrgenommen?

    Man muss wissen, dass Humor eigentlich etwas anderes ist als Komik. Humor ist die Fähigkeit, sich angesichts des Weltübels auf sich zurückzuziehen und dennoch zu lächeln. Dieser Humor kann auch eine spießige Untugend sein. Man grinst darüber, dass die großen Gefahren und Schlachten hinten in der Türkei – wie es bei Goethe heißt – stattfinden, also weit weg von einem. Aber die Fähigkeit, das Weltübel auszuhalten und nicht wie ein Hamlet am Weltübel aufgerieben zu werden, die kann man Humor nennen. Das ist etwas anderes als das, was sonst unter Humor verstanden wird.

    Die ständige Suche nach dem Lustigen macht ernst und grantig, hat Autor Daniel Glattauer gesagt...

    Das zeigt, dass wir, was die mediale Präsentation unserer Möglichkeiten, lustig zu sein, betrifft, zwischen zwei Extremen leben, der routinierten Humorigkeit, Witzigkeit, der abgerauchten trashigen Comedians auf der einen Seite und auf der anderen Seite routiniertem Ernst, der eigentlich seriös tut, ohne wirklich seriös zu sein, und zwischen beiden Extremen schwankt die öffentliche Präsentation. Es gibt aber grandios witzige Menschen wie Gerhard Polt, die den Blick dafür und die sprachlichen Möglichkeiten haben, um die Komik des Alltagslebens herauszuarbeiten.

    Sachen zum Lachen

    „Komik. Witz. Humor“ lautet der Untertitel der diesjährigen Sprechtage Wels & Thalheim, die von 22. Mai bis 13. Juni mit zahlreichen Veranstaltungen aus den Bereichen Literatur, Musik und Film locken. Eröffnet werden sie am 23. Mai im Medien Kultur Haus Wels mit einer Lesung von Paul Chaim Eisenberg, der aus seinem Buch „Auf das Leben! Witz und Weisheit eines Oberrabbiners“ liest und anschließend im Gespräch mit Franz Schuh rabbinische Weisheit analysiert.

    Mehr über Lesungen, Filmvorführungen, Theaterstücke und musikalische Darbietungen erfahren Sie auf
    www.sprechtage-wels.at

     

     

    Julia Evers, 16.05.2018, 00:04 Uhr

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