• Kultur
    Josef Bauer, der unbekannte Superstar

    Josef Bauer, der unbekannte Superstar

    Der Kubin-Preisträger 2017 ist vieles: Vorreiter von Franz West etwa. Sicher aber kein guter Verkäufer.

    Es herbstelt in Wallnstorf. Eine steife Brise fegt durch den alten Gunskirchner Dreiseithof, die Blätter der selbst gezogenen Weintraubensorte aus dem Banat sind gefallen und haben die prallen Früchte freigegeben. Im alten, kalten Haus mit der Nummer 7 arbeitet ein Mann. Seit fast 70 Jahren hat er hier sein Atelier. Er ist Maler, Bildhauer, Fotograf und Performancekünstler. Alles hat er im Selbststudium gelernt, ein multikultureller Autodidakt. Der Mann heißt Josef Bauer, und sein Name ist so unscheinbar wie sein Talent, sein großes Talent international zu verkaufen.

    Doch wer den 83-Jährigen einmal entdeckt hat, kann nicht mehr loslassen von dessen Arbeit. Ausstellungen in New York, Turin, Paris wechseln einander ab mit kalten, einsamen Nächten in seinem Atelier, wo er seines Ideendrangs Herr zu werden versucht.

    "Ich hatte nie das Selbstvertrauen wie Arnulf Rainer, der von sich sagt, er sei der Größte. Ich habe nie geschaut, dass ich in die Galerien komme, sondern immer weitergearbeitet. Ich wollte mit Dingen Geschichten erzählen", sagt Bauer. Das konnte er gut, sehr gut sogar. Immer wieder einmal tauchen Kunstsammler und Kuratoren in Wallnstorf auf, jubeln Bauer hoch, adeln ihn zum Vorreiter eines Franz West oder eines Erwin Wurm. Dann wird es wieder still.

    Untertags hat der Bauernsohn aus Gunskirchen, der nun mit seiner Frau Ulrike in Linz lebt, auch gearbeitet. Da vergrub er sich in die Welt der Zahlen, in der Finanzabteilung der Landwirtschaftskammer in Linz. Doch seine Liebe gehörte der nächtlichen Arbeit, die der Objektkünstler unter dem Begriff "Taktile Poesie" subsumiert. Seine dreidimensionalen Installationen faszinieren mit einer Sprache, die Körper und Objekte zueinander in Beziehung setzt. Anfang der 1960er-Jahre hatte noch niemand so weit gedacht.

    Fast-Wendejahr 1993

    1993 steht Bauer völlig unerwartet vor dem internationalen Durchbruch, seine Arbeiten begeistern bei der Ausstellung "Das offene Bild". "Du gehörst nach New York, du gehörst in die ganze Welt", jubeln die einen. "Aus dir wird nichts, du bist ja so normal", sagt die Malerin Christa Fruhmann. Sie sollte – zum Teil – recht behalten.

    Josef Bauer war wieder in seinem Atelier gelandet und veredelte zum Ausgleich Obstbäume. Die große Karriere hat er von sich aus nicht angestrebt: "Da musst du irgendeinen Scheiß machen, um davon leben zu können." Das Fäkalwort benutzte auch einer seiner beiden Söhne einmal, der den Vater lieber zu Hause gesehen hätte als im Atelier: "Scheiß-Kunst!"

    Josef Bauer, der unbekannte Superstar

    Erst seit seinem 70. Lebensjahr kann Josef Bauer von seiner Herzensarbeit leben. Im Museum Angerlehner in Thalheim ist er ausgestellt, in der Galerie Liaunig und auch im 21er Haus in Wien. Aufträge, wie etwa der "UND-Altar" in der Linzer Priesterseminar-Kirche, erregen das öffentliche Interesse. Im nächsten Jahr stellt Bauer in Niederösterreich und Hamburg aus.

    Am 30. November wird ihm der Kubin-Preis verliehen, der mit 11.000 Euro am höchsten dotierte Kulturpreis Oberösterreichs.

    Begonnen hat diese große Karriere im Verborgenen schon im Volksschulalter. Der liberale Vater, ein erklärter Nazi-Gegner, ließ ihn werken. "Bei uns war dauernd die Gestapo im Haus. Mein Vater geriet in Russland in Kriegsgefangenschaft und hat dort freiwillig um drei Jahre verlängert, weil er sich auf einer Kolchose in eine Russin verliebt hatte", sagt Bauer mit süffisantem Lächeln.

    Josef Bauer, der unbekannte Superstar

    Mit zwölf Jahren stürmt er in die Welser Stadtbücherei und sagt: "Ich möchte Maler werden. Habt ihr da was?" Da sind alle zusammengelaufen und haben ihm schließlich einen Band von Rembrandt vorgelegt. Bauer malt und malt und malt. Bis 19 ist er auch noch Rossknecht beim Vater. Eine Karriere der Widersprüchlichkeit eben.

    Kunstgeschichte umschreiben?

    Josef Bauer ist bei der aktuellen Ausstellung "Spielraum" in der Landesgalerie in Linz vertreten. Auch hier gibt es eine Anekdote, die Bauers Künstlerleben treffend widerspiegelt. Über seine avantgardistische Arbeit "Farbraum" aus dem Jahr 1963 sagte Kurator Frederik Schikowski: "Das kann nicht 1963 gewesen sein, weil Avantgarde begann erst 1965. Da müsste man ja die ganze Kunstgeschichte umschreiben." Wie wahr!

    Josef Bauer, der unbekannte Superstar

     

     

    Josef Bauer

    Vita: Der Maler, Bildhauer und Objektkünstler wurde am 12. Jänner 1934 in Wels geboren. Bauer ist verheiratet und hat zwei Söhne. Er lebt in Linz und arbeitet in seinen Ateliers in Linz-Wegscheid und in Gunskirchen. Josef Bauer wird am 30. November der mit 11.000 Euro dotierte Alfred-Kubin-Preis des Landes Oberösterreich verliehen. www.josef-bauer.net

    Ausstellung Landesgalerie: Mit seinen Arbeiten „Farbraum“ und „Kopf“ ist Bauer auch bei der aktuellen Ausstellung „Spielraum. Kunst die sich verändern lässt“ in der Landesgalerie vertreten. Die sehenswerte Schau läuft noch bis 14. Jänner 2018.

    Helmut Atteneder, 30.10.2017, 00:05 Uhr

    Mehr Kultur
    Kultur Übersicht
    Zurück Zum Seitenanfang