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    "Ich habe gelernt, dass man sich nicht zur Unzeit zu Themen äußern soll"

    "Ich habe gelernt, dass man sich nicht zur Unzeit zu Themen äußern soll"

    Harald Krassnitzer über den neuen Tatort, Ängste, Freundschaft und die Regierung.

    Der Salzburger Schauspieler Harald Krassnitzer schlüpft wieder in die Rolle des Tatort-Kommissars Moritz Eisner. An der Seite seiner Kollegin Adele Neuhauser (Bibi Fellner) ermittelt der 57-Jährige am Sonntag, 20.15 Uhr, ORF 2, in der Folge "Die Faust".

     

    Am Sonntag ermittelt Moritz Eisner in seinem 42. Tatort-Fall. Macht das Harald Krassnitzer noch in irgendeiner Form nervös?

    Krassnitzer: Es ist nie Routine. Ich brauche nach einer Tatort-Arbeit immer zwei, drei Monate Abstand, bis es von der Festplatte gelöscht ist. Dann kann man neutraler hinschauen. Es hat einen schizophrenen Zug: Du nimmst dir vor, etwas zu spielen, in irgendeiner Form hinüberzubringen. Wenn du das unmittelbar danach anschaust, ist es in den seltensten Fällen deckungsgleich. Du musst dich selbst bewerten, und diese Bewertung ist nahezu unmöglich. Insofern schaue ich, dass ich einen relativ großen Abstand herstelle, bevor ich mir das zum ersten Mal anschaue.

    Am 17. Jänner werden es 19 Jahre, dass Sie den Tatort-Kommissar Eisner spielen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie diese Rolle, bei allem Erfolg, von anderen ausgeschlossen hat?

    Ich hatte nie wirklich das Gefühl, dass mich diese Rolle in meinem Dasein behindert oder mir einen Zugang verwehrt hätte. Das mag sich vielleicht manchmal meinem Horizont entziehen, weil es vielleicht Leute gibt, die diskutieren und dann sagen, nein, den kann man nicht besetzen, weil… Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas verpasst hätte, was mir hätte zustehen müssen, oder was ich gern gemacht hätte.

    In Bezug auf Ihr Körpergewicht waren Sie zuletzt sehr selbstkritisch. Wie geht es Ihnen damit aktuell?

    Ich habe einigermaßen was weitergebracht, aber noch nicht das Traumziel erreicht. Es gab verschiedene Aspekte, die im Laufe des Jahres daherkamen, wo man dann sagt, jetzt ist es wirklich an der Zeit, dass man das Rauchen aufhört oder andere Dinge in den Griff bekommt. Die Drehzeit ist immer eine Zeit, die zu Verwahrlosungssymptomen führt, weil du da keine Esskultur hast. Da habe ich jetzt ein bissl umgestellt, jetzt hat sich das Gewicht reduziert und das Rauchen eingeschränkt, und das Ziel ist, einmal ganz damit aufzuhören.

    Wie viel Krassnitzer steckt in der Figur Moritz Eisner?

    Ich bin schon immer wieder verblüfft, wie der auszucken kann, oder seine Hartnäckigkeit in bestimmten Dingen. Aber ich würde ungern mit seinen Träumen oder seinem Leben tauschen wollen.

    Sind Sie ängstlich?

    Insofern, als ich mir Gedanken darüber mache, was der Grund für das Verrohungs- und Verwahrlosungspotenzial ist, das wir derzeit zunehmend wahrnehmen. Ich glaube, dass es viel damit zu tun hat, dass Leute vermehrt Perspektiven verlieren und so öfter in Situationen sind, in denen sie sich Luft machen. Dass das ein falsches Mittel ist, wissen wir. Gerade bei jungen Leuten geht es um Chancen und Ziele und wie sie eine Resonanz bekommen. Aber nicht im Sinne von: Du hast zu funktionieren und wir werden dein Zeugnis anschauen und dann werden wir beurteilen, ob du gut oder nicht gut bist. Sondern Resonanz in der Persönlichkeit. Also: Wir nehmen dich wahr in deinem Wesen.

    Die neue Regierung macht das Gegenteil und will Noten wieder als einziges Beurteilungsmittel in Schulen heranziehen.

    Ich wüsste nicht, was das verbessern soll. Dieser Bereich gehört entpolitisiert, damit man an den Punkt kommt, wo andere längst sind. Man schielt immer nach Finnland. Ein gutes Beispiel, dort wurde beschlossen, die traditionellen Schulfächer abzuschaffen. Ein revolutionärer Schritt, der viel mit Erkenntnissen der Gehirnforschung zu tun hat. Ich finde es komisch, dass wir Dinge einführen, die nichts damit zu tun haben, wie wir besser lernen oder die Neugier fördern, die junge Leute dazu bringt, lernen zu wollen.

    In Ihrer Eröffnungsrede beim Linzer Brucknerfest am 17. September haben Sie gesagt, dass Sie es für ein gewagtes Unterfangen halten, in einen wieder erstarkenden Nationalismus zurückzufallen. Jetzt gibt es Schwarz-Blau – sehen Sie solche Tendenzen bereits?

    Ich habe aus der Erfahrung, die ich mit Schwarz-Blau in den 2000er-Jahren gemacht habe, gelernt, dass man sich nicht immer zur Unzeit zu Themen äußern soll und damit nur Content-Lieferant einer zunehmend hysterisch werdenden Diskussion ist. Man kann dieser Regierung noch nicht vorwerfen und sagen: Ihr seid total auf Nationalismus gepolt. Ich glaube, dass man zu einer gelassenen Wachsamkeit aufrufen und dann, wenn es Tendenzen geben sollte, sich zu Wort melden muss.

    Sie sind bekennender Sozialdemokrat. Welche Fehler hat die SPÖ im Wahlkampf gemacht?

    Der Wahlkampf ist gehörig schiefgegangen, war in manchen Punkten schändlich. Mich hat eher irritiert, dass wir es nicht geschafft haben, die schlagenden Themen soziale Gerechtigkeit, Bildung und Reformen so rüberzubringen, wie es notwendig gewesen wäre, um dadurch mehr Stimmen zu bekommen. Das interessiert mich mehr als irgendwelche Causen, die du nicht mehr retten kannst.

    Ihre Filmpartnerin Adele Neuhauser hat nach einer Serie von Schicksalsschlägen gesagt, dass Sie ihr in dieser Zeit eine große Stütze waren. Sind Sie ein guter guter Freund?

    Da fragen Sie mich jetzt was... Da fühle ich mich geehrt, dass sie das gesagt hat, aber ich weiß nicht, ob ich dem gerecht werden kann. Für die Eitelkeit ist das immer schön, aber ob es auch für den inneren Seelenfrieden hält, der manchmal kritisch ist, weiß ich nicht.

    Welches Filmende wünschen Sie sich für Moritz Eisner? Geht er in Pension, stirbt er im Einsatz?

    Geschickte Frage. Ich sage Ihnen, Eisner wird von Außerirdischen entführt...

     

    Tatort

    „Die Faust“ heißt der erste Österreich-Tatort 2018. Zu sehen um 20.15 Uhr, ORF 2. Regie führte Christopher Schier.

    Inhalt: Mehrere Leichen, die öffentlich spektakulär zur Schau gestellt und nicht identifiziert werden können, stellen das Ermittlerduo Moritz Eisner und Bibi Fellner in ihrem 17. gemeinsamen Fall vor ein großes Rätsel. Denn um den Täter zu finden, müssen die beiden zuerst einmal klären, wer die Opfer sind. Eine tätowierte „Faust“ soll als Indiz dienen.

    Neben Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser spielen in weiteren Rollen dieses 2017 in Wien gedrehten ORF-Krimis: Hubert Kramar, Thomas Stipsits, Dominik Maringer, Larissa Fuchs, Miel Maticevic, Faris Rahoma, Erika Mottl, Ernst Konarek und Paul Matic. Das Drehbuch kam von Mischa Zickler.

    Helmut Atteneder, 11.01.2018, 00:04 Uhr

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