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    High Noon im TV: Ein Duell jagt das andere

    High Noon im TV: Ein Duell jagt das andere

    Nationalratswahl 2017: 27 Mal duellieren sich Spitzenkandidaten vor der Wahl am 15. Oktober. Ein Rekord

    Es begann mitten im Sommer. Am 26. Juni lud Puls-4-Moderatorin Corinna Milborn Bundeskanzler Christian Kern zum "Sommergespräch". Und das Werben im Fernsehen um Stimmen bei der Nationalratswahl am 15. Oktober endet drei Tage vor dem Urnengang – mit der Elefantenrunde der Spitzenkandidaten im ORF. Es wird dies die 61. Wahlsendung in ORF, Puls 4, ATV und Servus TV sein – und das 27. Duell zweier oder mehrerer Kandidaten.

    Noch nie wurden die – diesmal rund 6,4 Millionen – Wahlberechtigten mit derartig vielen Duellen, Elefantenrunden, Talk-Shows und Analysen überschwemmt. Es gilt das Motto: Nach dem Duell (Gestern standen sich Christian Kern, SPÖ, Ulrike Lunacek, Grüne und Matthias Strolz, Neos in zwei Duellen gegenüber) ist vor dem Duell: Heute klopft Claudia Reiterer um 20.15 Uhr auf ORF 2 Ulrike Lunacek und Christian Kern ab.

    Für diese inflationär anmutende Sendungsgestaltung gibt es zwei gute Gründe: Erstens, weil’s in Österreich im Gegensatz zu Deutschland (nur zwei TV-Duelle) Tradition hat. Und weil es Quote bringt.

    Am Sonntag durfte Puls 4 über durchschnittlich 560.000 Zuseher bei einem Marktanteil von 18,1 Prozent jubeln. Zu Spitzenzeiten verfolgten sogar 728.000 Zuseher das erste Elefantenduell. Ein noch nie erreichter Wert seit Bestehen des Privatsenders.

    Den Allzeit-Rekord aller TV-Konfrontationen in Österreich hält übrigens die "Elefantenrunde" vom 21. November 2002: Die von Elmar Oberhauser geleitete Diskussion mit Alfred Gusenbauer, Wolfgang Schüssel, Herbert Haupt und Alexander Van der Bellen sahen 1,839 Millionen Menschen (Marktanteil 60 Prozent).

    Der Politwissenschafter Peter Filzmaier sieht in der inflationären TV-Duellerei keine Abnützungsgefahr für die Kandidaten: "Es ist nur eine Verlagerung von der Straße und dem Festzelt ins TV-Studio. Persönliche Kontakte mit Handschlag sind nicht mehr das, was sie früher einmal waren."

    Persönliche Kontakte haben sich aber in die virtuelle Welt verlagert. Ein kleines Filmerl vom Händeschütteln im Bierzelt wird umgehend über Social-Media-Kanäle verbreitet. Virtuelle Realität des Jahres 2017: Wirkt persönlich, ist aber unpersönlich.

    Die Wirkung von TV-Duellen im Sinne von "Wähler umstimmen" ist trotz zahlenmäßiger Überschwemmung ein Wunschtraum. Medienwissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass man beim eigenen Lieblingskandidaten eher die Stärken und beim Gegenkandidaten die Schwächen sieht. Filzmaier: "Es ist praktisch unmöglich, einen Anhänger der Gegenseite ins andere Lager zu holen."

    Wozu dann der Aufwand? Es geht um die Unentschlossenen, immerhin rund 20 Prozent der Wahlberechtigten.

    Viele TV-Duelle ermöglichen den Spitzenkandidaten ein gebetsmühlenartiges Wiederholen ihrer Botschaften. Großformatige Nahaufnahmen in HD-Qualität sind aber auch gefährlich. Sie verzeihen nichts. Ein Schwitzen der Kandidaten, und seien sie auch nur verkühlt wie Franz Vranitzky 1995 im Duell mit Wolfgang Schüssel, wird schnell als politische Schwäche ausgelegt. Alois Mock wurde 1986 gegen Vranitzky ein zur Entspannung gedachter Saunabesuch vor der Konfrontation zum Verhängnis. Mocks Gesicht war aufgedunsen und mit dicker Schminke "behandelt" worden.

    Es begann heute vor 57 Jahren

    Die Geschichte von Politiker-Konfrontationen im Fernsehen begann heute vor 57 Jahren. John F. Kennedy gegen Richard Nixon am 26. September 1960 gilt als Mutter aller TV-Konfrontationen. Der schlecht rasierte und schwitzende Nixon hatte gegen den eloquenten Herausforderer (er reiste in einer klimatisierten Limousine an und wirkte jugendlicher und frischer) keine Chance.

    1975 begann die Geschichte der Kandidatenkonfrontationen im ORF. Bruno Kreisky ließ dabei Josef Taus keine Chance.

     

    Nationalratswahl 2017 - TV-Duelle


    Quoten bisheriger TV-Duelle:

    • Hofer – Lunacek (ORF) 676/22*
    • Strolz – Kern (ORF) 620/22
    • Elefantenrunde (Puls4) 560/18
    • Strache–Lunacek (Puls4) 322/12
    • Strache – Strolz (Puls4) 279/9
    • Kern – Strolz (Puls4) 186/8
    • Kern – Lunacek (Puls4) 185/6

    Reichweitenrekorde:

    • Elefantenrunde im ORF am 21.11.2002 1,839 Mio./60 %
    • Gusenbauer – Schüssel 14.11.2002 1,75 Mio./56 %

    Elefantenrunden: ATV (1.10.), ORF2 (12.10.), jeweils 20.15 Uhr

    Heute treffen um 20.15 Uhr in ORF2 Christian Kern (SPÖ) und Ulrike Lunacek (Grüne) aufeinander.


    *durchschnittliche Reichweite bei über 12-Jährigen i. T./Marktanteil in Prozent
     

    Helmut Atteneder, 26.09.2017, 00:04 Uhr

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