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    Eine märchenhafte Leinwand-Liebe, die statt Worten nur Wasser braucht

    Eine märchenhafte Leinwand-Liebe, die statt Worten nur Wasser braucht

    Der Oscar-Favorit "Shape of Water" besticht als bildgewaltige Kino-Fabel mit Tiefgang

    Wie jedes Märchen hört sich der Kern von Guillermo del Toros Film-Fabel "Shape of Water" abstrus an. Im Oscar-Favoriten (siehe Box) verlieben sich die Putzfrau Elisa Esposito und ein männliches Wasserwesen, das von der US-Regierung irgendwo im Amazonas aus dem Schlamm gezogen worden ist. Doch wer die Regiekunst so meisterhaft wie der Mexikaner beherrscht, schafft es, diese schwierige Vorlage in eine Augenweide zu verwandeln – im wörtlichen Sinn wie für alle, die mit dem Herzen sehen wollen und können.

    Auf den ersten Blick gelingt das dem 53-Jährigen am besten bei diesem rätselhaften Wassermann, der in den 50ern in jene Militäranlage geschafft wird, die Elisas tägliche Sisyphusaufgabe ist. Ein stattliches, faszinierendes Wesen mit durchscheinenden Kiemen, schillernden Schuppen, blauen Augen, das nur pfaucht. Doch man spürt gleich, dass es das nicht aus Bosheit tut, sondern aus Angst.

    Bilder, die Bände sprechen

    Aber noch viel schöner, leichtfüßiger schafft es del Toro, Elisas Figur Facetten zu verleihen, einfach weil er es versteht, das Spiel einer überragenden Sally Hawkins ästhetisch zu stützen. Del Toro und der Oscar-nominierten Britin (41) fehlen zwar ob der stummen Figur die Worte, doch sie haben einen besseren Text. Einen aus phantastischen Motiven, sanften (Kamera-)Bewegungen, grünblauen Schatten, Formen, starken Symbolen und reizenden Nebenfiguren.

    Dass Elisa träumen kann, das Besondere in der Monotonie des Alltags findet, zeigen Hawkins’ wache, suchende Augen, ihr wissendes Lächeln, wenn neben ihr an der Bushaltestelle ein Mann eine blau glasierte Torte auf seinem stolzen Wanst balanciert und mit den Luftballonen, die er hält, wie ein trauriger Clown aussieht.

    Eine selbstbewusste bis hantige Octavia Spencer als putzende Kollegin Zelda und Richard Jenkins als Elisas verschrobener, mit seiner Halbglatze hadernder Nachbar zeigen, wie gut gemeinte Sorge um eine zerbrechlich scheinende, weil nicht der Norm entsprechende Frau zur unnötigen Übergriffigkeit wird. Doch Elisa braucht keinen Schutz. Die Liebe zu "ihrem" Wassermann kehrt ihre Beschützerin hervor. Ihr böser Gegenspieler heißt Richard Strickland und soll Elisas Wasserwesen bewachen, weil es seziert werden soll. Michael Shannon verleiht dem Macho-Dreckskerl ein beängstigend gutes Gesicht. Sein Strickland reagiert auf alles "Andere" wie der US-Präsident auf del Toros Landsmänner, wie Rechte auf "Feinde" – er demütigt, schlägt um sich, entwürdigt. Ein kluger Kommentar, so fein verwoben, dass Politisches nie Romantisches stört.

    Denn während das titelgebende Wasser bis zum Ende immer stärker plätschert, sich seinen Weg bahnt wie die Liebe, umso mehr wünscht man sich, dass der Film mit nur einem Satz schließt: "Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage."

    "Shape of Water – Das Flüstern des Wassers": USA 2017, 123 M., Regie: G. del Toro

    OÖN Bewertung:

     

    13 Oscar-Chancen

    Nur eine Nominierung weniger als der Favorit 2017, „La La Land“, hat Guillermo del Toros „Shape of Water“. Von seinen 13 Oscar-Chancen entfallen fünf auf Königsdisziplinen: Regie, bester Film, beste Hauptdarstellerin (Sally Hawkins), Drehbuch, Kamera.

    85 Mal wurde das Werk bisher prämiert, darunter ein „Golden Globe“ (Regie) wie der „Goldene Löwe“ (Venedig), der erste für einen Mexikaner.

    Nora Bruckmüller, 15.02.2018, 00:04 Uhr

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