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    Martina Spitzer: Eine Frau, acht Rollen, kein Opfer

    Eine Frau, acht Rollen, kein Opfer

    Die Innviertlerin Martina Spitzer ist in Österreich eine fixe Größe auf der Bühne und vor der Kamera. In ihre Heimat führt die Wahlwienerin diesmal aber kein Landkrimi-Dreh, sondern Arthur Schnitzlers Stück "Anatol". Sie spielt die Frauen - alle acht.

    was ist los?: Wie haben Sie zum Schauspiel gefunden?
    Martina Spitzer: So wie bei meiner Kollegin Maria Hofstätter, mit der ich viel zusammenarbeite: ziemlich zufällig. Wie die Maria bin ich ein Bauernkind. In meiner Generation war es nicht der nächste Gedanke, Schauspielerin zu werden. Im Gegenteil: Es war nicht einmal eine denkbare Variante. Ich hatte überhaupt keinen Bezug zum Theater. Ganz ehrlich: Bis zur Matura war ich zwei Mal im Theater. Das erste Mal mit der Schule, dann bei einem Stück in der Arbeiterkammer.

    Dann wussten Sie, dass Schauspiel Ihr Beruf ist?
    Nein, erst viel später. Ich bin da eher „hineingestolpert“.

    Wie „hineingestolpert“?
    Ich habe nach der Matura in Salzburg gelebt und war mit einem Bühnenbildner liiert, der in einem kleinen Theater gearbeitet hat. Die Chefin des Theaters, gleichzeitig auch Regisseurin, war Lehrbeauftragte am Mozarteum. Einmal hat sie jemanden für hinter der Bühne gebraucht, das war ich dann. Im Laufe dieser Produktion bin ich von hinter auf die Bühne gewachsen, weil es meine Aufgabe auch erfordert hat. Die Chefin hatte dann irgendwie einen Narren an mir gefressen, mich überredet, dass ich beim neuen Stück auch mitspiele, und hat mir Schauspielunterricht gegeben. Ich hab’ mir gedacht: Ja, lustig ist es eh. So ist es losgegangen. Erst nach ein paar Jahren, als ich sogar schon davon leben konnte, habe ich mich wirklich dafür entschieden, dass Schauspiel mein Beruf sein soll.

    Wo haben Sie davor gearbeitet?
    Zum Beispiel in einer Sozialberatungsstelle für obdachlose Frauen in Salzburg. Lange nachdem ich schon auf der Bühne gestanden bin, habe ich noch stundenweise mitgearbeitet. Es ist eine wichtige, sinnvolle Tätigkeit, bei der ich viel gelernt habe. Und ich bewundere nach wie vor das Engagement von Menschen in diesen sozialen Berufen.

    Um Frauen und ihre verschiedenen Lebensrealitäten geht es auch im Stück „Anatol“ von Arthur Schnitzler, in dem Sie in Linz zu sehen sind. Sie spielen nicht eine, sondern gleich alle.
    Es sind acht Frauen, die aus komplett verschiedenen sozialen Zusammenhängen stammen. Eine kommt aus dem Proletariat, der Vorstadt, die nächste aus einem Künstlerumfeld, eine ist eine Dame aus dem gehobenen Bürgertum. Und sie sind alle unterschiedlich alt. Nur eine, Berta aus der ersten Szene, ist vom Alter her dort, wo ich im Leben annähernd gerade bin. Die anderen sind jünger als ich, eine ist überhaupt ein Mädchen.

    Waren die Figuren schon im Text stark akzentuiert? Mussten Sie noch vieles weiter
    herausarbeiten?

    Man muss sowieso jede Figur herauskristallisieren. Ich muss wissen, was sie will, die Situation und die Beziehungen durchleuchten. Und das ganz konkret. Was die Herkunft betrifft, reicht es etwa nicht, nur zu wissen, dass sie aus der Oberschicht stammt. Ich will wissen, woher exakt und mir ein Bild davon machen. Das verleiht dem Charakter etwas Unverwechselbares und für mich etwas sinnlich Greifbares.

    Wie schaffen Sie es, von einer Frau in die andere zu schlüpfen? Gibt es dafür Hebel?
    Zum Teil sind es bestimmte Gedanken, die mich von einer zur anderen springen lassen, zum Teil ist es viel sinnlicher. Dann wird die Beschaffenheit eines Stoffs, ein Gesichtsausdruck, ein Tonfall oder vielleicht ein Bild zu meinem „Surfbrett“.

    Wurde Ihnen jemals eine Frauenrolle angeboten, die so klischeehaft war, dass Sie sie ablehnen mussten?
    Sagen wir so: Mir haben manche Texte nicht gefallen. Weil ich sie etwa in der Figurenzeichnung zu oberflächlich gefunden habe. Einmal ist mir ein Monolog angeboten worden, der mir schlichtweg zu platt war. Was man aber nicht vergessen darf: Aus vielem kann man noch etwas Gutes herausholen, aber ist der Text einmal schlecht, ist es sehr schwer. In der klassischen Literatur sind die jungen Liebhaberinnen ohnehin für mich die faderen Rollen. Die hat man mir aber eh nie angeboten (lacht).

    Zurück zu „Anatol“: Wie beurteilen Sie Schnitzler als Erschaffer von Frauenbildern?
    Er hat interessante, tiefgehende Figuren gezeichnet, auch bei den Frauen. Er war seiner Zeit voraus, was die Frauen betrifft revolutionär. Natürlich hat „Anatol“ einen Mann im Zentrum, aber Schnitzler zeichnet keine der acht Frauen als Opfer. Er macht etwas, was zu seiner Zeit sehr unüblich war: Er gesteht den Frauen wie den Männern eine gleichwertige Eigenständigkeit zu, das Recht auf eine eigene, lustvolle Sexualität.

    „Anatol“ gilt als autobiographisch beeinflusst, auch von Schnitzlers Promiskuität.
    Ja. Und schonungslos zeichnet er den Charakter von Anatol. Anatol, der „große Frauenversteher“, der am Ende gar nichts versteht. Er ist ein Egomane, der nicht reifen will. Gefühle, Gedanken, alles dreht sich um ihn selbst. Er leidet an einer krankhaften Selbstbespiegelung. Und jede Frau, die ihm begegnet, zeigt eine Variante seiner Unfähigkeit auf, jemanden anderen zu lieben als sich selbst.

    IM LANDESTHEATER UND ZUR PERSON

    Linz: Unter der Regie von Susanne Lietzow ist Martina Spitzer in Arthur Schnitzlers „Anatol“ in den Kammerspielen zu sehen, acht Szenen, in dem ein Hallodri (Andreas Patton) auf die Frauen seines Lebens trifft, alle von Spitzer gespielt.  Termine: 15., 25., 30. 12.; 7., 11., 12. 1.; 1., 3., 23. 2.; je 19.30 Uhr, Karten-Tel.: 0800 218 000, weitere Termine in der aktuellen Spielzeit: www.landestheater-linz.at

    TV: Im Mühlviertler Landkrimi „Der Tote am Teich“ (2015) gab Spitzer eine der Cousinnen von Sepp Ahorner (Josef Hader). Sie trat auch in David Schalkos „Braunschlag“ (2011), im Tatort
    „Abgrund“ (2014), in „Soko Donau“, „Schnell ermittelt“ und in der Reihe „Der Metzger“ (2015) auf.

    Bühne: Mit der Gramastettnerin Maria Hofstätter geht Spitzer für das Vorarlberger Projekttheater regelmäßig auf Tournee. Die neue Produktion heißt „gehen ging gegungen“. In Wien arbeitete sie u. a. für das Volkstheater, das Schauspielhaus und den Rabenhof.

    Kino: Martina Spitzer, 1962 in Hohenzell geboren, hat mit den bekanntesten heimischen Regisseuren gedreht.
    Die 54-Jährige spielte u. a. in Sabine Derflingers „Tag und Nacht“ (2010) und Ulrich Seidls „Paradies: Glaube“ (2012). Heuer war sie in „Baumschlager“, zuletzt in „Licht“ zu sehen.

     

     

    Nora Bruckmüller, 07.12.2017, 11:34 Uhr

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