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    Das Heimspiel des musikalischen Nerds

    Das Heimspiel des musikalischen Nerds

    Jazz-Größe Martin Reiter kehrt am Samstag zu seinen Wurzeln in Gschwandt zurück

    Als einziger Künstler wurde Martin Reiter im Rahmen des renommierten Hans-Koller-Preises vier Mal ausgezeichnet. Das bleibt auch so, weil der nach dem herausragenden österreichischen Jazzsaxofonisten benannte Preis mit internationaler Strahlkraft von der Republik Österreich seit 2009 nicht mehr vergeben wird – aus Budgetgründen.

    Es hat nicht viel gefehlt und Reiter wäre wie sein Vater Arzt geworden – und nicht erfolgreicher Jazzer. Dass es anders gekommen ist, beschert seiner Heimatgemeinde Gschwandt bei Gmunden am Samstag (20 Uhr, Firma Trawöger, Müllerbachstraße 22) ein verführerisches Konzertprojekt: Zusammen mit Sängerin Chanda Rule wird der 39-Jährige sein neues Hammond-Orgel-Album "better place" präsentieren und gemeinsam mit dem Blechbläsersextett "Stahl in Brass" zum fulminanten Crossover auf die Pauke hauen.

    Musikschule in Gmunden

    Wenn der Vater Oboe spielt und die Mutter Klavier, dann lebt ein Bub von Musik umzingelt. Im üppigen Platten- und CD-Fundus der Eltern fielen Reiter irgendwann zufällig einige Jazz-Aufnahmen in die Hände. "Und in der Musikschule in Gmunden gab es schon damals Lehrer, die sich mit Jazz gut auskannten", sagt Reiter. Als Saxofonist schloss er sich in Linz-Ebelsberg der Militärmusik an, parallel dazu studierte er an der Linzer Bruckner Universität Klavier. Reiter: "Zu diesem Zeitpunkt war ich unsicher, ob ich mit Musik weitermachen oder doch Medizin studieren sollte." Die Aufnahmeprüfung für die Musikuniversität in Wien sollte eine Art Entscheidung des Universums werden. Er wurde genommen – und das war es dann mit dem Arzt.

    Mathias Rüegg, Gründer des bis 2010 bestehenden Vienna Art Orchestra, erkannte bald Reiters Qualitäten als Pianist und Arrangeur. Zusammen mit der Sängerin Simone Kopmajer entwickelte der Mann aus Gschwandt sein erstes ernsthaftes Musik-Projekt, das den beiden eine US-Tour und Auftritte mit Turk Mauro und Ira Sullivan eintrug. Schöne Engagements (unter anderem in der Band des Schweizer Ausnahmetrompeters Matthieu Michel) folgten, bis Reiter 2003 nach New York übersiedelte. Ein Stipendium ermöglichte ihm Privatunterricht bei Größen wie Bill Charlap, Bruce Barth und Fred Hersch. Alle Kompositionen von Reiters international beklatschtem Debütalbum "Chez es Saada" stammten aus dieser Zeit.

    Auftritte mit 14 Jahren

    Seit 2012 ist Reiter Professor für Jazzklavier am Wiener Konservatorium. "Meine ersten Lehrer haben versucht, mir Beethoven, Bach und Mozart beizubringen. Das war reine Quälerei – für sie und für mich. Und wenn mir jemand einen Boogie-Woogie gegeben hat, dann konnte ich das in zwei Tagen auswendig", sagt er.

    Es ist die improvisatorische Freiheit des Jazz, die Reiter musikalisch und im Gespräch aufblühen lässt. Als Jugendlicher in Gschwandt sei er ein "musikalischer Nerd" gewesen. Reiter: "Inhaltlich konnte mit meiner Musik keiner etwas anfangen, aber es hat doch Aufsehen erregt, dass da einer mit 14, 15 Jahren Auftritte hat und mit Musik Geld verdient." Dorthin zurückzukehren, sei speziell. "Der Gemeinde ist aufgefallen, dass ein Gschwandtner Kind als Musiker Karriere gemacht hat – so kam es zu diesem Konzert", sagt Reiter. "Und natürlich werde ich fast jeden im Publikum kennen. Ich bin zwar selbst längst erwachsen, aber für die Lehrer von damals werde ich immer ihr Schüler bleiben." Deren Strenge wird er trotzdem nicht fürchten müssen.

    Peter Grubmüller, 14.06.2018, 00:04 Uhr

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