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    Wie viele Behandlungen sind zu viel?

    Wie viele Behandlungen sind zu viel?

    Weniger ist mehr – das gilt in der Mode und oft auch in der Medizin. Auf Einladung der Gebietskrankenkasse diskutierten Gesundheitsexperten zum Thema "Überversorgung".

    Ein Oberösterreicher, der in zwei Jahren 62 Röntgen-Untersuchungen hatte, ein anderer, der in kurzer Zeit 23 Zahnärzte konsultierte. Eine Mutter, die mit ihrem fiebernden Kind Freitagmittag zum Arzt kommt, bekommt mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Antibiotikum verschrieben als bei einem Termin unter der Woche.

    Ob übertriebene Vorsorge, unsachgemäße Verwendung von Antibiotika oder ein wenig Kreuzweh, das "um jeden Preis" abgeklärt werden müsse: Während medizinische Unterversorgung in der Öffentlichkeit meist breit diskutiert wird, ist die Überversorgung kaum ein Thema. "Aber auf jeden Fall genauso wichtig", sagt Albert Maringer, Obmann der Gebietskrankenkasse Oberösterreich (OÖGKK), im Rahmen eines medizinischen Hintegrundgesprächs in Linz, bei der das Thema in einer Expertenrunde zur Diskussion stand.

    Zu viel Medizin macht krank

    Denn eines sei klar: Auch zu viel Medizin kann krank machen. "Hier geht es nicht ums Sparen, sondern darum, dass der Patient genau die Gesundheitsleistung bekommt, die er braucht – und die ihm nicht schadet. Außerdem: Wenn Betroffene nur die Therapien in Anspruch nehmen, die wirklich etwas bringen, dann werden Kapazitäten frei für andere, die genau diese Behandlung tatsächlich benötigen."

    Es ginge hier nicht um Schuldzuweisungen, so Andrea Wesenauer, OÖGKK-Direktorin, "sondern darum, die Gründe für die Überversorgung zu finden". Auf Patientenseite spielten dabei wohl oft falsche oder fehlende Informationen eine große Rolle, sagt Wesenauer und rät in dem Zusammenhang vor allem davon ab, Dr. Google zu konsultieren. "In Medizinfragen ist das Internet ein ganz schlechter Berater."

    Zudem würden die Menschen oft ein zu hohes Vertrauen in technische Medizin setzen – und dabei ganz vergessen, dass die auch Nachteile mit sich bringt. "Vielen ist nicht bewusst, dass der Körper bei einem CT (Computertomografie, Anm.) zum Beispiel auch einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt ist. Das ist auch nicht gesund."

    Ärzten fehle wiederum oft die Zeit, schwierige Fragen mit den Patienten zu erörtern. "Deshalb kommt das Ja zu der einen oder anderen Therapie auch vielleicht manchmal zu schnell." Auch die Angst vor Behandlungsfehlern sei wohl mit ein Grund für die Übervorsorge. "So nach dem Motto: Besser zuviel als zuwenig."

    Und nicht zuletzt würde unser System der leistungsbezogenen Bezahlung mit hineinspielen. "Da gilt, je mehr, desto besser. Und medizinische Anbieter sind ja auch Wirtschaftsbetriebe. Medizinische Geräte müssen laufen, leere Spitalsbetten gefüllt werden, um profitabel zu sein."

    Kritik am sorglosen Umgang mit Medikamenten übt auch Anneliese Luft, stellvertretende Leitende Ärztin der GKK. "Antibiotika-Resistenzen sind zum Beispiel weltweit ein Problem. Der Grund dafür ist, dass Antibiotika in der Vergangenheit viel zu oft eingesetzt wurden, und das auch bei Krankheiten, wo sie gar nicht wirken können wie etwa bei Erkältungen." Auch bei Diagnose und Behandlung von Prostatakarzinomen, der häufigsten Krebserkrankung bei Männern, rät Luft zu Weitsicht. "Jeder sollte sich der Folgen, die so eine Behandlung mit sich bringen kann, bewusst sein", sagt Luft. "So haben Männer nach einer OP sehr oft mit Inkontinent und Impotenz zu kämpfen. "Das bedeutet auch eine große Einschränkung der Lebensqualität."

    "Sobald wir wissen, was wir haben, fangen wir an, uns schlecht zu fühlen, sagt auch Georg Scheurecker. Der Radiologe sieht das täglich bei den Patienen mit Rückenschmerzen. "Kreuzweh zählt zu den häufigsten Gesundheitsbeschwerden. Sie sind in den meisten Fällen zwar schmerzhaft, aber nicht gefährlich. Dennoch bestehen viele Patienten auf ein bildgebendes Verfahren, nur um zu wissen, was sie haben. Das hilft aber den wenigsten." Im Gegenteil: Zum Großteil seien an den Rückenschmerzen "nur" verkrampfte Muskeln schuld. "In 90 Prozent der Fälle tritt da binnen sechs Wochen eine Selbstheilung ein. Bewegung und Massagen können den Prozess beschleunigen".

    Gesundheitstelefon geplant

    Vielen Menschen sei heutzutage einfach der "medizinische Hausverstand" abhanden gekommen, sagt Patientenanwalt Gerald Bachinger. "Hatte früher ein Kind Fieber, war die Oma da und hat erst einmal ein paar Essigpatscherl gemacht. Das Wissen fehlt jetzt."

    In Wien, Niederösterreich und Vorarlberg gibt es deshalb bereits ein Gesundheits-Telefon, wo sich Ratsuchende hinwenden können.

    Geplant ist, so eine Hotline in den nächsten ein bis zwei Jahren auch in Oberösterreich einzurichten.

     

    Prostatakrebs-Studie:

    Dass nicht jede Therapie zugleich immer die beste Wahl ist, zeigt eine Studie aus Oxford mit mehr als 1600 Prostatakrebs-Patienten. Ein Drittel der betroffenen Männer unterzog sich dabei einer Operation, ein Drittel erhielt Bestrahlungen, ein Drittel hatte gar keine Behandlung. "Und man hat festgestellt, dass die Zehn-Jahres-Überlebensrate völlig gleich war – und zwar in allen drei Gruppen", sagt Ärztin Anneliese Luft.

     

    Zitiert

    "Da geht’s nicht darum, bei Patienten zu sparen, sondern darum, dass jeder die Therapie bekommt, die er braucht – und die ihm nicht schadet." - Albert Maringer, Obmann der GKK

    "Wichtig ist, dass man nicht unreflektiert Therapien macht. Man sollte sich die richtigen Fragen stellen – und diese mit dem Arzt besprechen." - Andrea Wesenauer, Direktorin der OÖGKK

    "Eine Studie des renommierten Cochrane-Instituts ergab, dass in fast 20 Prozent der Fälle Therapien eher schaden als nutzen." - Gerald Bachinger, Patientenanwalt

    "Der unkritische Einsatz von Antibiotika bringt keinen Vorteil, sondern kann sogar zum tödlichen Risiko werden." - Anneliese Luft, stv. Leitende Ärztin der OÖGKK

    "Bei guter Versorgung und Entspannung sind die meisten Kreuzweh-Patienten bald wieder fit. Da braucht es kein Röntgenbild." - Georg Scheurecker, Facharzt für Radiologie

     

     

     

     

    Valerie Hader, 13.07.2017, 00:04 Uhr

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