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    Sandweste hilft, sich besser zu fühlen

    Sandweste hilft, sich besser zu fühlen

    Der sanfte Druck auf den Körper kann bei Wahrnehmungsstörungen guttun. In Deutschland ist das Hilfsmittel umstritten.

    Im ersten Moment hört es sich sonderbar an: Warum soll man einem Kind eine mit Sand gefüllte, schwere Weste anziehen? Um das zu verstehen, muss man etwas ausholen. "Bei Kindern mit Wahrnehmungsstörungen sind die drei Basissinne betroffen: Das motorische Gleichgewicht, das taktile System – also die Haut – und die Tiefenwahrnehmung", sagt Therapeutin Ulla Kiesling. Die Tiefenwahrnehmung ist dafür verantwortlich, dass wir die Dimensionen unseres Körpers spüren können, dass wir wissen wie breit oder hoch wir sind, wo unser Körper aufhört und die Umwelt anfängt.

    Die Wahrnehmung stärken

    In der von Kiesling entwickelten Therapieform "Sensorische Integration im Dialog" hilft die Norddeutsche, Mädchen und Buben in Deutschland und Österreich mit Wahrnehmungsstörungen besser klar zu kommen. Dabei setzt sie auch die Sandweste ein. Die Kinder ziehen das je nach Alter ein bis zwei Kilo schwere Kleidungsstück zur Therapie, in der Schule oder bei den Hausübungen an. Immer geht es dabei darum, sich selbst besser spüren zu können, die Wahrnehmung zu schärfen, geerdet zu sein. "Es gibt auch die Möglichkeit, zum Beispiel Hände oder Füße manuell zu drücken. Viele Kinder mögen das.

    Doch manche Kinder werden nicht gerne angefasst, zum Beispiel weil sie geschlagen wurden oder aus anderen Gründen. Da kann die Sandjacke eine gute Möglichkeit sein", sagt die 51-Jährige. "Es geht darum, sich körperlich gut zu fühlen und Lebensfreude zu entwickeln", umreißt Kiesling das Ziel ihrer Therapie. Dabei kommen übrigens auch zahlreiche andere Hilfsmittel wie Rollbrett, Hängematte oder Trampolin zum Einsatz. In Deutschland wird die Verwendung der ärmellosen Sandjacke zurzeit kontroversiell diskutiert. Die einen loben die Vorteile, die anderen finden die Methode ungeeignet, wollen sie verbieten und sprechen sogar von Folter. Das kann Kiesling nicht nachvollziehen: "Kinder ziehen die Sandweste ja nur an, wenn sie es selbst wollen. Und können sie natürlich jederzeit wieder ausziehen. Wenn ein Kind die Weste lange anhat und nicht mehr wahrnimmt, schlage ich ihm auch vor, sie wieder auszuziehen. Die Methode passt auch nicht für alle Buben und Mädchen." Übergewichtigen Kindern würde sie ebenfalls keine Sandweste empfehlen. Wichtig ist Kiesling immer der Dialog mit den Kindern, "denn nur sie spüren, was ihnen guttut". Kinderprimar Michael Merl vom Linzer Kepler Universitätsklinikum hat zwar keine persönlichen Erfahrungen mit der Sandweste gesammelt, "ich kann mir aber gut vorstellen, dass das funktioniert. Es gibt auch die Variante mit einer Sanddecke sanften Druck auszuüben. Zum Beispiel reagieren manche Patientinnen und Patienten mit Autismus positiv auf Druck."

    Unter siduk.at findet man alle Therapeuten, die diese Methode anbieten.

    Dietlind Hebestreit, 06.06.2018, 00:04 Uhr

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