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    Psychisch Kranke machen nur selten Therapie

    Psychisch Kranke machen nur selten Therapie

    Ängste, Depressionen, Süchte – wie werden psychische Erkrankungen behandelt, wie viel bezahlt man dafür und was passiert, wenn man sich die Therapie nicht leisten kann?

    Rund ein Drittel der Bevölkerung ist jedes Jahr von einer psychischen Störung betroffen. Am häufigsten sind das Angststörungen (16 Prozent), gefolgt von Alkoholsucht (elf Prozent), Depressionen (acht Prozent) und Zwangsstörungen (vier Prozent). Behandelt wird allerdings nur ein kleiner Teil der Patienten. Das liegt einerseits an der Scheu, mit diesen Erkrankungen zum Arzt zu gehen, aber auch an den finanziellen Möglichkeiten. Regierung und Krankenkassen fordern den Ausbau der Psychotherapie um 25 Prozent, das hält auch der Berufsverband der Psychotherapeuten für dringend notwendig. Die OÖN sprachen mit dem Vorsitzenden des Landesverbandes, Wolfgang Schimböck.

     

    Wie viele psychisch Kranke werden behandelt?

    Wolfgang Schimböck: Mehr als 100.000 psychisch erkrankte Oberösterreicher bekommen jährlich Psychopharmaka verschrieben. Nur etwa 16.000 nehmen eine Psychotherapie in Anspruch.

    Wie kann man sich die Behandlung vorstellen? Psychopharmaka, Psychotherapie oder beides?

    Psychische Erkrankungen haben oft eine komplexe Entstehungsgeschichte. Genetische Effekte kommen ebenso in Betracht wie die Lebensgeschichte, Traumatisierungen, Belastungsreaktionen und Beziehungsfragen. Es sollte daher keine Konkurrenz von Psychotherapie und Psychopharmaka geben. Je nach Art und Schwere der Diagnose ist zu entscheiden, welcher Behandlung es im Einzelfall bedarf. Psychopharmaka dürfen ausschließlich von einem Arzt verschrieben werden.

    Es gibt immer noch die Scheu, über eine psychische Erkrankung zu reden. Wie sehen Sie das?

    Ja, bisher ist nur die Burnout-Diagnose salonfähig. Dabei stecken hinter zwei Dritteln der Burnout-Fälle Depressionen oder Angststörungen. Mein Rat: Niemand sollte sich scheuen, bei ersten Anzeichen, längerer Antriebslosigkeit, Schlafproblemen, Traurigkeit und sozialem Rückzug Hausärzte und Psychotherapeuten zu konsultieren.

    Führt das auch dazu, dass Menschen erst sehr spät eine Behandlung in Anspruch nehmen?

    Leider ja, es dauert daher oft Jahre, bis es bei einer psychischen Erkrankung zu einer Behandlung kommt.

    Wie viele Patienten in Oberösterreich bekommen Psychotherapie auf Krankenschein?

    Aufgrund des limitierten Kontingents der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse gibt es für 9000 Patienten eine Psychotherapie mit e-card.

    Wie viel bezahlen die anderen für die Behandlung?

    5000 psychisch Kranke in Oberösterreich bezahlen die Therapie selbst und bekommen 21,80 Euro Zuschuss. Die durchschnittlichen Kosten für eine Therapiestunde betragen 90 Euro. Außerhalb der Gebietskrankenkasse Versicherte können zu Wahl-Psychotherapeuten gehen und bekommen bis zu 50 Euro Zuschuss.

    Was passiert mit jenen, die sich keine Behandlung leisten können oder wollen?

    Nicht behandelte psychische Erkrankungen können sich verschlechtern und im schlimmsten Fall bis zur Arbeitsunfähigkeit führen. In Oberösterreich erfolgen bereits 38 Prozent der Frühpensionierungen aufgrund einer psychischen Erkrankung.

    Wie lange dauert im Durchschnitt die Behandlung?

    Das sind bis zu 25 Einheiten, die anfänglich wöchentlich und später meist vierzehntäglich stattfinden.

    Wie lange ist die durchschnittliche Krankenstandsdauer?

    Bei psychischen Erkrankungen beträgt sie 40 Tage, bei anderen Erkrankungen sind es zwölf Tage.

    Was sind die Forderungen des Verbands für Psychotherapie?

    Wir setzen uns für ein Ende der Zweiklassenmedizin in der Psychotherapiebehandlung ein. Bei entsprechender Diagnose muss allen Patienten kurzfristig eine kassenfinanzierte Psychotherapie zur Verfügung stehen. Für den eigenen Berufsstand fordern wir faire Honorierung durch die Krankenkasse.

    Claudia Riedler, 12.04.2017, 00:04 Uhr

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