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    Frauen und Alkohol: Die versteckte Sucht

    Frauen und Alkohol: Die versteckte Sucht

    Immer mehr Alkoholiker sind weiblich: Noch besser als Männer verschleiern sie ihr Laster.

    Ein Blick aufs Armgelenk: 20 Uhr. Maria holt eine Flasche Rotwein aus der Einkaufstasche und schenkt sich das erste Glas ein. Was jetzt kommt, kennt ihre Familie schon: Die Mittvierzigerin pendelt die nächsten zwei, drei Stunden zwischen Küche und Wohnzimmer. Am Rückweg ist das Glas immer wohlgefüllt. Wenn die Flasche leer ist, geht Maria ins Bett. Eine zweite Flasche – weder Wein noch Schnaps – gibt es in ihrem Haushalt nicht – als Selbstschutz. Anders läuft ein Abend ab, an dem die Familie Besuch bewirtet oder das Paar bei Freunden eingeladen ist. Dann nippt die erfolgreiche Managerin den ganzen Abend an einem Achterl und trinkt sonst nur viel Wasser.

    "Stille Sucht" betrifft besonders Frauen

    "Frauen, die Probleme mit dem Konsum von Alkohol haben, verstecken das oft. Diese ‚stille Sucht‘ wird in der Öffentlichkeit kaschiert", sagt Thomas Schwarzenbrunner. Der Sucht- und Drogenkoordinator des Landes Oberösterreich beobachtet auch, dass immer mehr Frauen ein Alkohol-Problem haben: "Vor zehn Jahren war das Verhältnis bei der Alkoholabhängigkeit von Männern zu Frauen 3,5 zu 1, heute ist es 2,4 zu 1." Dass die Frauen bei dieser Sucht nachziehen, ist auch problematisch, weil Frauen einfach weniger Alkohol vertragen:

    Frauen haben im Verhältnis zum Gewicht weniger Körperwasser als Männer. Weil sich der Alkohol im Körperwasser verteilt, ist bei Frauen die Konzentration schneller erhöht.

    Weil Frauen weniger wiegen, sind schon geringere Mengen an Alkohol problematisch.

    Enzyme, die zum Abbau vom Alkohol im Körper benötigt werden, werden von Männern leichter gebildet als von Frauen.

    Kontrolle ist Frauen besonders wichtig. Deshalb entwickeln sie ausgeklügelte Strategien, um das Thema Sucht zu managen.

    Dazu gehört auch das Verschleiern: Die Betroffenen mischen Schnaps oder Wein in unverdächtige Getränke, konsumieren oft alleine oder nur in Gesellschaft der Familie, achten in der Öffentlichkeit peinlich darauf, nüchtern zu bleiben, verstecken die alkoholischen Vorräte an unverdächtigen Plätzen in der Wohnung. Deshalb dauert es länger als bei Männern, bis jemand Verdacht schöpft.

    "Kontrolle ist Frauen auch deshalb wichtig, weil sie oft Angst vor sexuellen Übergriffen in betrunkenem Zustand haben", sagt Schwarzenbrunner. Außerdem haben Frauen oft Betreuungspflichten. Während Männer mit hohem Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft sogar bewundert werden, trifft das auf Frauen nicht zu. An die schlechten Angewohnheiten der Burschen und Männer bezüglich Alkohol nähern sich derzeit leider besonders junge Frauen an.

    Sucht als jahrelanger Prozess

    Oft entwickelt sich die Sucht über viele Jahre hin. Die Grenzen vom harmlosen Alkoholkonsum zum Missbrauch bis hin zur Sucht sind fließend, und so können die Betroffenen sich lange einreden, dass eh alles in Ordnung ist. Wenn bei Alkoholikern die Alarmglocken schrillen, dauert es trotzdem meist noch ein paar Jahre, bis die Betroffenen etwas unternehmen und sich in Betreuung begeben.

    Folgende Symptome weisen auf eine Sucht hin:

    • Der Betroffene hat Verlangen nach der Substanz.
    • Er muss die Dosis steigern, um denselben Effekt zu erzielen.
    • Betroffene vernachlässigen oft berufliche und private Verpflichtungen.
    • Soziale Kontakte werden reduziert, um mehr Zeit für den Alkoholkonsum zu haben.
    • Entzugssymptome sind zum Beispiel Krämpfe und Schwitzen. Manche Süchtige reagieren auf den Entzug von Alkohol mit einer psychischen Verstimmung.

    Wer das Gefühl hat, seinen Alkoholkonsum beobachten zu müssen, sollte sich nicht nur auf die Trinkmenge konzentrieren. Ob sich eine Sucht entwickeln wird oder schon entwickelt hat, hängt auch stark von der Motivation des Konsums ab, und davon, in welchen Situationen man trinkt. So gibt es Menschen, die immer zum Glas greifen, wenn sich eine Krise anbahnt oder wenn ein Problem am Horizont auftaucht. Andere reagieren auf mehr Stress mit mehr Alkoholkonsum. Als "Sekundäre Abhängigkeit" bezeichnen Experten Fälle, in denen Menschen mit Angststörungen oder Depressionen versuchen, die Symptome ihrer Erkrankung mit Alkohol zu lindern. Um den Ist-Zustand zu erheben, eignen sich sogenannte Trinktagebücher. "Aufgeschrieben wird, wie viel zu welchem Anlass und aus welcher Motivation konsumiert wird", sagt Schwarzenbrunner. Dann ist es sinnvoll, die Trinkmengen zu reduzieren und sich anzuschauen, wann einem der Alkohol abgeht und wie sich das Leben dadurch verändert. "Manche Menschen spüren sehr schnell, dass es ihnen ohne Alkohol besser geht. Ein Effekt kann sein, dass man abnimmt, weil Alkohol ja viele Kalorien hat", so der Suchtexperte. Andere Personen berichten, dass nach einem bewussten Verzicht auch der Umgang mit unserer Alltagsdroge Nummer eins bewusster gelebt wird.

    Wenn man sich für Abstinenz entscheidet, ist es hilfreich, sich als Ersatz für den Alkoholkonsum anderen Dinge zu suchen. "Das kann ein Spaziergang am Abend oder eine andere Tätigkeit sein, die man gerne hat. Man sollte sich darauf vorbereiten, was man tut, wenn einem fad ist oder wenn ein Problem auftaucht", sagt Schwarzenbrunner. Mit ein wenig Voraussicht lassen sich solche sogenannte Schlüsselsituationen dann meistern.

    Die Alkoholberatung des Landes OÖ bietet anonyme, professionelle und kostenlose Begleitung: Tel. 0664/60072/89563

    Alkohol-Irrtümer

    • Durch Kochen verdunstet in Speisen der ganze Alkohol: Reiner Alkohol hat einen Siedepunkt von 78,3 Grad. Nur wenn eine Speise lang und stark erhitzt wird, geht er in den Dampf über.
    • Durch Sport kann man Alkohol ausschwitzen: Alkohol wird vor allem über die Leber abgebaut. Bewegung spielt da kaum eine Rolle.
    • Durch Kaffee wird man schneller nüchtern: Kaffee beschleunigt den Abbau von Alkohol nicht.
    • Ein Schnaps hilft bei der Verdauung: Die Verdauung wird dadurch nicht beschleunigt. Der Alkohol betäubt aber die Nerven und man hat deshalb das Gefühl, dass es dem Bauch besser geht.
    • Rotwein ist gut für die Gesundheit: Besser ist es, andere Lebensmittel mit derselben Wirkung zu sich zu nehmen, die nicht das Risiko Alkohol in sich tragen.
    • Alkohol unterstützt eine gute Nachtruhe: Wer abends Alkoholisches trinkt, schläft zwar besser ein; allerdings leidet die Schlafqualität und man wacht öfter auf.
    • Ein Rollmops hilft gegen den Kater: Das ist subjektive Wahrnehmung. Was der Körper zur Erholung vor allem braucht, ist viel Flüssigkeit (antialkoholisch) und Zeit.

    Alkohol fasten

    Heute ist Aschermittwoch – der beste Zeitpunkt, um mit dem Überprüfen von unliebsamen Gewohnheiten zu beginnen. Wer 40 Tage komplett auf Alkohol verzichtet, kann testen, ob das Glaserl am Abend nur eine liebgewonnene Gewohnheit oder bereits ein suchtbedingter Zwang geworden ist. Hinterfragen sollte man nicht nur die Trinkmenge, sondern auch die Motivation. Etwa ob man mit Wein und Bier auf Probleme, Stress oder Krisen reagiert. Und: Wie verändert sich das Leben ohne Alkohol? Geht es mir besser? Nehme ich ab?

    „Wer ein massives Alkohol-Problem hat, sollte jedoch keinen kalten Entzug daheim ohne Unterstützung machen“, warnt Suchtexperte Thomas Schwarzenbrunner vom Land OÖ. Fachliche Betreuung ist aber nur für eine kleine Gruppe von Menschen notwendig.

    Dietlind Hebestreit, 14.02.2018, 00:04 Uhr

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