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    Die Nick-Krankheit - mysteriös und tödlich

    JUBA. Der Südsudanese Charles Abui war 29, als er 2016 starb. Abui hatte einen Epilepsie-ähnlichen Anfall, der allerdings viel länger als üblich dauerte.

    Drei Tage hatte er seinen Körper nicht unter Kontrolle. Sein Vater America Wilson brachte ihn in das Krankenhaus von Mundri, ein Stück nordwestlich der südsudanesischen Hauptstadt Juba. Doch auch dort konnte ihm niemand mehr helfen.

    Abui starb an der Nick-Krankheit - Englisch: Nodding Syndrome (NS), wie sein Vater bei einem Besuch von Vertretern der Fachorganisation für Menschen mit Behinderungen, "Licht für die Welt", erzählte. Diese ist ausgesprochen mysteriös und noch weitestgehend unerforscht. Man findet sie bisher nur in bestimmten Gegenden Afrikas südlich der Sahara in vier Ländern: dem Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo, in Uganda und in Tansania, wo Mitte der 1990er-Jahre die ersten Fälle entdeckt wurden. Kinder zwischen fünf und 15 sind von NS betroffen, die Zahl der Krankheitsfälle wird auf einige tausend geschätzt.

    Die Symptome sind ähnlich denen von Epilepsie und treten oft zumindest drei- bis sechsmal am Tag auf. Ihren Namen hat sie, weil eines der ersten und deutlichsten Symptome ein unkontrolliertes Kopfnicken ist. Brennpunkt der Krankheit ist derzeit der Südsudan, eine der ärmsten Regionen der Welt. Der Forscher Michael Boele van Hensbroek von der Universität Amsterdam erläuterte jetzt im Gespräch mit dem Journalisten Nick Schönfeld, dass neue Fälle derzeit nur in der Region Mundri im Südsudan registriert werden.

    Für Ursachen, Übertragungswege, Prädispositionen, fördernde und hemmende Faktoren und am Ende Behandlungsmöglichkeiten gibt es derzeit nur Anhaltspunkte, keine gesicherten Erkenntnisse. So wurde beobachtet, dass Essen oder kaltes Wetter - relativ gesehen - das Auftreten von Anfällen begünstigt. Eine Häufung der Krankheitsfälle wurde auch in Gebieten beobachtet, wo verstärkt Fälle von Flussblindheit (Onchozerkose) registriert werden. Diese wird über Würmer übertragen. Van Hensbroek machte jedoch darauf aufmerksam, dass die Verbreitungsgebiete von Onchozerkose wesentlich ausgedehnter als die des NS sind.

    Nicht zuletzt deshalb vermutet der Forscher eine Übertragung über einen Virus, der auf das Gehirn geht. Seltsam ist jedoch, dass in manchen Familien alle Kinder betroffen sind. America Wilson etwa muss sich um sieben Kinder kümmern. Neben vier eigenen kommen drei seines Bruders dazu, der bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Alle sieben wiesen beim Besuch der NGO-Vertreter das Nodding Syndrome auf. Doris Clement hingegen, die in der Region Mundri in dem Dorf Haia Malakal lebt, hat fünf Kinder. Doch nur bei dem fünfjährigen Gbokossoro ist die Nick-Krankheit aufgetreten.

    Möglich scheint auch, dass schlechte hygienische Bedingungen und Mangelernährung das Auftreten und Fortschreiten der Nick-Krankheit begünstigen. Wegen der andauernden militärischen Konflikte leben rund zwei Millionen Menschen bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von 12,7 Millionen als Flüchtlinge in Camps im eigenen Land. Vor allem in diesen Camps gibt es zahlreiche Fälle. Nach Schätzungen weisen etwa 250.000 von ihnen Behinderungen auf, berichtete "Licht für die Welt".

    Heilung gab es bisher nicht. Allerdings stellten die "Licht für die Welt"-Vertreter und ihre lokalen Partner fest, dass eine Behandlung mit Epilepsie-Medikamenten auch das Fortschreiten des Nodding Syndromes zumindest verlangsamen kann. Doch da NS vor allem bei sehr armen und mangelernährten Kindern auftritt, ist die Finanzierung im kriegsgebeutelten Südsudan ein großes Problem.

    Pro Monat und Kind muss America Wilson mit Kosten von zwei Euro für die Medikation rechnen. Das sind 14 Euro pro Monat für die sieben Kinder. Das jährliche Durchschnittseinkommen im Südsudan liegt deutlich unter 1.000 Dollar. Wobei davon auszugehen ist, dass in den Flüchtlingscamps lebende Menschen mit wesentlich weniger auskommen müssen. Das ist fast nicht leistbar. Und dann ist da noch der Zugang zu den Medikamenten. In Mundri ist es "Licht für die Welt" zufolge alles andere als garantiert, dass die Arzneien auch wirklich jederzeit zu bekommen sind.

    nachrichten.at/apa, 17.04.2018, 10:41 Uhr

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