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    Messerattacke auf Wachsoldaten: War es ein Terrorakt?

    Messerattacke auf Wachsoldaten: Täter hatte Sympathie für politischen Islam

    WIEN. Der Mann, der in der Nacht auf Montag vor der Residenz des iranischen Botschafters in Wien einen Wachsoldaten angegriffen und von ihm erschossen wurde, hatte "eindeutig Sympathie für den politischen Islam".

    Das sagte Michaela Kardeis, Generaldirektorin für die öffentliche Sicherheit, bei einer Pressekonferenz mit Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) am Dienstag in Wien.

    Das sind die ersten Erkenntnisse aus den Ermittlungen der Polizei. Die Auswertung des bei der Durchsuchung der Wohnung des Messerangreifers sichergestellten Materials werde noch ein paar Tage in Anspruch nehmen, sagte Kardeis. Es gehe in erster Linie darum, die "Social-Media-Kommunikation" des Mannes zu "filtern". Derzeit lasse sich sagen, dass "er eindeutig Sympathie für den politischen Islam hatte".

    Messerattacke auf Wachsoldaten: Der Tathergang

    Um 23.35 Uhr zieht Mohamed E. vor der Residenz des iranischen Botschafters in Wien ein Messer und stürmt auf einen 23-jährigen Korporal des Bundesheeres, der die Villa bewacht, los.

    Der Wachsoldat versucht zuerst den Angreifer mit Pfefferspray abzuwehren. Das Reizgas zeigt keine Wirkung. Wie von Sinnen soll der 26-jährige gebürtige Österreicher mit ägyptischen Wurzeln auf den Korporal eingestochen haben. "Ohne die Stichschutzweste wäre der Wachsoldat tot gewesen, hundertprozentig", wird Polizeisprecher Harald Sörös später bekannt geben.

    Der Wachsoldat und E. gehen laut Angaben der Polizei beide während des Gerangels zu Boden. In diesem Moment entscheidet der Korporal, von seiner Dienstwaffe, einer Glock 17, Gebrauch zu machen.

    Zuerst gibt er laut derzeitigem Ermittlungsstand einen Warnschuss ab. Auch dieser schreckt den Angreifer nicht ab. Es fallen mindestens drei weitere Schüsse. Tödlich getroffen sackt Mohamed E. vor der Villa Blaimschein in der Wenzgasse im Bezirk Hietzing zusammen. Der iranische Botschafter hatte sich zum Tatzeitpunkt mit seiner Frau und zwei Kindern in der Villa aufgehalten. Beweise, dass der Angreifer in die Residenz eindringen wollte, gibt es bisher keine.

    Der Soldat habe "aus jetziger Sicht alles richtig gemacht", sagt Heeressprecher Michael Bauer. Der Korporal erlitt bei dem Angriff eine Schnittwunde am Oberarm und einen schweren Schock. Er wurde in eine militärische Sanitätseinrichtung gebracht.

    Das Einsatzkommando Cobra und der Verfassungsschutz durchsuchten gestern Nachmittag den Wohnsitz des getöteten Angreifers. Ein Smartphone und ein Laptop wurden sichergestellt. Die Auswertung der Datenträger werde aber einige Tage dauern. Das Motiv des 26-Jährigen war gestern noch Gegenstand der Ermittlungen: Vorerst könne nichts ausgeschlossen werden, auch nicht ein terroristischer Hintergrund beziehungsweise religiöse, politische oder völlig anders gelagerte Beweggründe bis hin zu psychischen Problemen, sagte Polizeisprecher Sörös. Der Verfassungsschutz sei dabei, "das gesamte Umfeld zu durchleuchten, Handy- und E-Mail-Verläufe zu untersuchen, Freunde und Angehörige zu befragen, in der Wohnung gefundene Schriftstücke zu analysieren" sowie festzustellen, ob der Mann Kontakt zu bestimmten Glaubensgemeinschaften gehabt hat und ob sich in seinem Besitz einschlägiges Werkzeug oder Anleitungen befanden.

    Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ) hat gestern für die von Bundesheersoldaten bewachten Gebäude bis auf Weiteres eine doppelte Besetzung angeordnet. Während der nächsten 72 Stunden sollen statt einem nunmehr zwei Wachposten im Einsatz sein, sagte ein Sprecher. Der Generalstab des Heeres hat zudem den Auftrag erhalten, den seit August 2016 laufenden Assistenzeinsatz, mit dem das Heer die Polizei beim Schutz diplomatischer Einrichtungen unterstützt, zu evaluieren. Das Ziel sei, auszuloten, ob noch Verbesserungen bezüglich der Sicherheit der Soldaten, etwa in Bezug auf deren Ausrüstung, möglich seien. Denkbar sei, die Wachsoldaten künftig auch mit kugelsicheren Westen und Schutzhelmen auszustatten, heißt es.

    Neben der Verdoppelung der militärischen Wachposten werde auch der Streifendienst der Polizei vor Botschaften in der Bundeshauptstadt "jedenfalls bis zur Klärung des Motivs" verstärkt, heißt es aus dem Innenministerium. 

    Assistenzeinsatz: Bundesheer bewacht neun Botschaften in Wien

    Assistenzeinsatz: Bundesheer bewacht neun Botschaften in Wien

    Das Heer bewacht als Assistenzleistung für die Polizei insgesamt neun diplomatische Einrichtungen in Wien. Eine davon ist die Residenz des iranischen Botschafters in Hietzing, die in der Nacht auf Montag Tatort einer Messerattacke wurde.

    Der Wachsoldat war vor der Residenz postiert, ein Wachhäuschen oder Ähnliches gibt es dort nicht. Der Soldat befand sich am Montag weiterhin in Spitalsbehandlung. Der 23-Jährige sei nach dem Angriff und dem Waffengebrauch „psychologisch natürlich entsprechend herausgefordert. Der heerespsychologische Dienst war bei ihm, er wird betreut“, sagte Heeressprecher Michael Bauer.

    U-Kommission wird eingesetzt

    Routinemäßig werde wohl eine interne Untersuchungskommission eingesetzt, wie nach Schusswaffengebrauch im Dienst üblich. Die Ermittlungen obliegen aber einzig der Polizei.

    Für den Schutz diplomatischer Einrichtungen – seit August 2016 unterstützt des österreichische Bundesheer hier die Polizei – sind laut Bauer in Wien 110 bis 120 Heeresangehörige im Einsatz.

    Zur Verwendung kommen ausschließlich Berufs-, Zeit- und Milizsoldaten, keine Grundwehrdiener, betont die Heeresführung. Die Wachsoldaten sind, wie auch der 23-Jährige, mit Pfefferspray, einer Glock 17 und einer Stichschutzweste ausgerüstet. Die Wachsoldaten versehen jeweils über mehrere Tage Dienst und haben dann zwei Tage frei. Während des Einsatzes versehen sie Schichtdienst, das heißt, zwei einem Objekt zugeteilte Soldaten wechseln einander im Tages- und Nachtdienst ab, erläuterte Bauer. Einen Fall wie den vorliegenden mit einem Angriff und anschließendem Schusswaffengebrauch durch einen der Wachsoldaten habe es seit Beginn des Überwachungseinsatzes vor rund eineinhalb Jahren nicht gegeben.

    (hip), 13.03.2018, 10:13 Uhr

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