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    Die Liebe für das Lorbeerblatt

    "Der Koch zupft sich ein Blatt und zerreibt es. Ein betörender Duft erreicht die Nasenflügel."

    Ich habe die ganze Begeisterung für Lorbeerblätter nie richtig verstanden. Auch wenn beinahe jedes Kochbuch darauf verweist, Linsen, Suppen oder Gulasch mit Lorbeerblättern zu verfeinern – die Sinnhaftigkeit von dürren Blättern, deren aromatische Strahlkraft gegen null tendiert (wie bei fast allen getrockneten Gewürzen) ist nicht in mein Gehirn vorgedrungen.

    Viel mehr ärgerte es mich, dass immer ich es war, der aus seinem Teller das Blatt aus der Suppe herausfischen musste. Lorbeerblätter habe ich auch nur deswegen verwendet, weil man es halt so macht. Bis mir Georg Reyer (das ist der mit dem lauwarmen Erdäpfelsalat von der offenen Kantine) einen Buschen vor die Nase hielt, und die Gewürzpflanze wie einen Strauß Valentinsblumen präsentierte.

    Der Koch zupft sich ein Blatt, zerreibt es zwischen den Fingern und schon empfangen meine Nasenflügel einen aromatisch, betörenden Duft. "Im Herbst sind sie besser. Aber jetzt ist der Lorbeer auch nicht schlecht", sagt Georg, der sichtlich erfreut ist, mir die Vorzüge von Lorbeer einzutrichtern: "Ich nehme immer frischen Lorbeer. Diesen habe ich sogar selbst gepflückt. Im Lorbeerwald. Beim Meer."

    Wie sich alles so lange frisch hält, will ich wissen. "Du musst ihn sofort in einen Kübel mit Wasser geben. Sonst hast du verloren. Danach gekühlt lagern und du kannst alle möglichen Gerichte damit verfeinern." Georg lächelt gewinnbringend und befindet sich im Redeschwall. "In der Butter zerlassen, etwas Reis und Zimt mit schwitzen. Wird sehr gut. Oder ein Gulasch über die Nacht stehen lassen, und vorher zwei Blätter untermischen. Ein Traum. Auch für Fischfond passt es wunderbar."

    Ich bin so weit, Georg einen Lorbeerkranz aufzusetzen, und fahre mit Ideen und Aromen geschwängert nachhause. Dort erreicht mich eine weitere Nachricht. "Hab’s vergessen. Erdäpfelsuppe und Erdäpfelgulasch ohne frischen Lorbeer. Undenkbar."

    Die Kolumne schreiben abwechselnd Karin Haas und Philipp Braun, das Genussteam der OÖN-Nachrichten.

    Philipp Braun, 18.05.2017, 00:04 Uhr

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